Kategorien
Allgemein

Tag 1: Black History in Deutschland

(Vortrag von Jena Samura)

Den ersten Tag unseres Festivals eröffnet Jena Samura mit einem Vortrag über die Geschichte Schwarzer in Deutschland. Gleich zu Beginn betont sie, wie schwierig es ist, dieser Geschichte in einem Vortrag gerecht zu werden. Die Eckpunkte, die sie gewählt hat, haben deswegen nicht den Anspruch ein allumfassendes Bild zu liefern. Sie sollen lediglich anregen, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. In diesem Blogbeitrag fassen wir Jena Samuras Vortrag für euch zusammen:

Schwarze leben seit Jahrhunderten in Europa und somit in Deutschland. Trotzdem wird ihre Geschichte nur selten erzählt. Was durch den Geschichtsunterricht viel eher bekannt ist, ist die Geburtsstunde des Deutschen Reiches 1871. Ihr geht die Ausbildung einer nationalen deutschen Identität voraus.

Wie jede Identität, beruht sie darauf sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen und gleichzeitig von anderen abzugrenzen. Als neue Nation wollte das Deutsche Reich außenpolitisch gegenüber den anderen europäischen Länder behaupten. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, äußerte sich Außenminister Bernhard von Bülow 1897. Was er damit meinte? Das Deutsche Reich sah sich durch sein neues nationales Selbstverständnis berufen, seinen deutschen Anspruch an Kolonialbesitztum in Afrika zu stellen. Dem Nationalismus folgte schnell der Kolonialismus.

Deutschland und seine Kolonien

Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm errichtete lange vor der Entstehung des Deutschen Reiches im heutigen Ghana die Festung Groß Friedrichsburg. Zweihundert Jahre später errichtete Deutschland um 1884/85 die Kolonien Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia) und Deutsch-Ostafrika (heutiges Tansania, Burundi und Ruanda). In diesen Kolonien wurde die Bevölkerung unterdrückt, misshandelt, vergewaltigt und ermordet. Um das Verhalten recht zu fertigen, bediente

sich Deutschland wie alle anderen Kolonialmächte einer weiteren Form der identitären Abgrenzung: dem Konzept der „Rasse“.

„Rasse“ als Begründung

Bereits in der Antike versuchten bekannte Persönlichkeiten wie Aristoteles Sklavenhandel zu begründen. Es läge in der Natur mancher Menschen Sklaven zu sein; sie ließe nur begrenzte Leistungen zu. Der sozialdarwinistische Rassismus Ende des 19. Jahrhunderts arbeitet mit den gleichen Erklärungsansätzen.

Menschen einer „Rasse“ hätten alle dieselbe „rassische Essenz“ in sich, die zwangsläufig zu bestimmten geistigen und körperlichen Eigenschaften führten. Rassentheoretiker wie Arthur de Gobineau veröffentlichten umfangreiche Bücher, in denen die „Rassenessenz“ der Schwarzen dargelegt wurde. Sie beschreiben nicht nur die Haut- und Haarfarbe, die dickeren Lippen und breitere Nase, sondern sprechen Schwarzen auch intellektuelle Fähigkeiten ab. Die Unterdrückung Schwarzer durch weiße fand durch die „natürliche Minderwertigkeit“ Schwarzer sehr bequem eine pseudowissenschaftliche Berechtigung.

Die Afrodeutsche Bevölkerung – eine Gefahr für den weißen Herrschaftsanspruch

Als das Zusammenleben Schwarzer und weißer zunehmend zu sexuellen Beziehungen und „Mischehen“ führte, schien die koloniale Ordnung in Gefahr. Die deutsche Staatsangehörigkeit wurde damals patrilinear weitergegeben. Schwarze Frauen konnten deswegen durch Heirat eines weißen deutschen Mannes zu Deutschen werden – genauso wie ihre Kinder. Es war eine Afrodeutsche Bevölkerung entstanden, die nicht mehr unter die Gesetzgebung der Einheimischen fi el.

Aus Angst vor zu großer Einflussnahme dieser Bevölkerung begann Deutschland weiße deutsche Frauen als Trägerinnen der „Kultur und Sitte“ in die Kolonien auszusiedeln. Eine weitere Reaktion auf diese Entwicklung war die „Mischehen“-Debatte in den 1890er-Jahren. In ihr verhandelte der Deutsche Reichstag die gesetzlichen Regelungen für interkulturelle Ehen und ihre Kinder neu aus. Er verbot die standesamtlichen

Trauungen zwischen Schwarzen und weißen und annullierte rückwirkend alle „Mischehen“. Damit war der Grundstein für die zunehmende gesellschaftliche Ausgrenzung dieser Familien gelegt: Sie durften keine Darlehen mehr aufnehmen, keine Farmen kaufen und ihre Kinder durften manche Schulen und Kindergärten nicht besuchen.

Schwarze Deutsche in der NS-Zeit – Theodor Wonja Michael

An dieser Stelle macht Jena in ihrem Vortrag einen Zeitsprung in die NS-Zeit. Am Beispiel von Theodor Wonja Michael veranschaulicht sie wie die Lebenswelt eines Schwarzen Deutschen zu dieser Zeit aussah.

Theodor Wonja Michael wurde 1925 in Berlin geboren. Er war der Sohn eines Kameruners und einer Deutschen. Sein Leben ist früh von Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt. Für Schwarze war die Situation auf dem Arbeitsmarkt sehr schwierig; sie arbeiteten in wenigen Nischen wie Völkerschauen, Kolonialfilme und Zirkusauftritte. Diese Verhältnisse spiegeln sich in Michaels Leben wider. Er musste als kleiner Junge in Völkerschauen auftreten und arbeitete später als Page, Portier und Komparse.

In einem Interview mit schwarzrotgold, das uns Jena Samura zeigt, schildert Michael wie ihm paradoxerweise das Schwarzsein vieles ersparte. Er durfte nicht zur Hitlerjugend gehen und fiel durch Musterungen – die Musterungsärzte konnten sich keinen Soldaten mit seinem Aussehen vorstellen. Schließlich wurde er von 1943 bis 1945 als Zwangsarbeiter in einem Arbeitslager interniert.

Nach seiner Befreiung holte er das Abitur nach und begann Politikwissenschaft zu studieren. Später arbeitete er als Journalist, wurde Chefredakteur des Magazins Afrika Bulletin und stand im Dienst beim Bundesnachrichtendienst.

Michael war in vielerlei Hinsicht ein besonderer Zeitzeuge der Geschichte Schwarzer in Deutschland: In seiner Kindheit musste er die Auswirkungen des Kolonialismus auf die Lebensumstände Schwarzer in der Weimarer Republik miterleben. Später war er mit

dem Rassismus während der NS-Zeit konfrontiert und nach 1945 mit seiner fehlenden Aufarbeitung. Zuletzt wurde er Zeuge einer wieder wachsenden afrikanischen Diaspora.

Die Schwarze Frauenbewegung

Den nächsten geschichtlichen Eckpunkt sieht Jena Samura bei der Schwarzen Frauenbewegung. Sie führt uns kurz in Entstehung der unterschiedlichen Afrodeutschen Bewegungen ein.

Die Veröffentlichung des Buches „Farbe bekennen“ 1986 war ein wichtiger Meilenstein in der Schwarzen deutschen und feministischen Geschichtsschreibung. Erstmals wurde die Vergangenheit Afrodeutscher Frauen bis zurück ins Kaiserreich aufgearbeitet. „Farbe bekennen“ schafft einen Zugang zu Erfahrungen, die nicht nur von Rassismus, sondern auch von Sexismus geprägt sind. Es wird deutlich, dass die Erfahrungen Schwarzer Frauen strukturell bedingte Kollektiverfahrungen sind. Sie machen es notwendig, die Geschichte des Kolonialismus aufzuarbeiten und „Deutsch-Sein“ neu zu definieren.

Die Afrodeutsche Poetin und Aktivistin May Ayim war eine der Autorinnen von „Farbe bekennen“. Sie setze sich in ihren Gedichten mit der „Doppelidentität“ Schwarz und „Deutsch-Sein“ auseinander. Zusammen mit der karibisch-amerikanischen Aktivistin Audre Lorde und anderen Schwarzen deutschen Frauen führte sie die Selbstbezeichnung Afrodeutsch ein. Diese Selbstbezeichnung ermöglichte erstmals sprachlich eine Brücke zwischen diesen scheinbaren Gegensätzen zu schlagen.

Hand in Hand mit den Recherchen für „Farbe bekennen“ gründete May Ayim zusammen mit weiteren bekannten Persönlichkeiten wie Theodor Wonja Michael die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Sie war die erste Selbstorganisation

Schwarzer in Deutschland. Zeitgleich entstand der Verein ADEFRA als kulturpolitisches Forum für Schwarze Frauen.

Black Lives Matter im Sommer 2020

Die Black Lives Matter Bewegung wurde 2013 in den USA gegründet. Sie war eine Reaktion auf den Freispruch Georg Zimmermanns für die Tötung von Trayvon Martin. Als der Schwarze US-Amerikaner George Floyd im Mai 2020 während einer gewaltsamen Festnahme in Minneapolis starb, gewann die Bewegung eine neue Dynamik. Sie führte zuerst in den USA und später in anderen Ländern wie Deutschland zu einer Welle von Protesten. Die zunehmende mediale Präsens Schwarzer führte zu einer neuen Rassismus-Debatte. Was viele Schwarze an dieser Debatte bemängeln, ist das falsche Problembewusstsein, das in Deutschland hinsichtlich Rassismus herrscht. Politiker und Medien diskutieren Einzelfälle und ziehen Menschen aus den Rändern der Gesellschaft zur Verantwortung. Dass Rassismus in Deutschland strukturell bedingt ist und aus der Mitte der Gesellschaft kommt, wird gerne übersehen. Die Rassismus-Debatte dieses Sommers knüpft an die Debatten der letzten 20 Jahre an, ohne zu einem nennenswerten Fortschritt zu führen.

Die Geschichte Schwarzer Menschen ist untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Es ist wichtig sie aufzuarbeiten und zu erzählen, um ein Verständnis für die Gegenwart zu schaffen. Vor dem Hintergrund der Lebensumstände Schwarzer im Kolonialismus, in der NS-Zeit und in der Nachkriegszeit werden Debatten, darüber, ob Rassismus in Deutschland existiert, schnell hinfällig. Die rassistischen Strukturen unserer Gegenwart sind historisch gewachsen. Sie zu verstehen schafft Perspektiven für die Zukunft.

von Sarah Ellwardt

Literaturempfehlungen

  1. Deutsch sein und Schwarz dazu – Theodor Michael
  2. Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. – Katharina Oguntoye, May Ayim, Dagmar Schultz
  3. grenzenlos und unverschämt – May Ayim
  4. Kinder der Befreiung – Marion Kraft
  5. Plantation Memories – Grada Kilomba

Zum Nachlesen

  1. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/berliner- kongress-1878.html
  2. https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2019/04/liebe-kolonialzeit-indigene-frauen- mischehen-bedrohung/komplettansicht
  3. https://www.zeit.de/kultur/2019-10/theodor-wonja-michael-gestorben-nachruf
  4. https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/afrikanische-diaspora/59423/ nationalsozialismus?p=0
  5. https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/may-ayim#actor- quotations
  6. https://verwobenegeschichten.de/menschen/may-ayim/farbe-bekennen-afro- deutsche-frauen-auf-den-spuren-ihrer-geschichte/
  7. https://editionf.com/dr-natasha-a-kelly-schwarzer-feminismus-buch-interview/#
  8. https://www.deutschlandfunkkultur.de/soziologin-zur-deutschen-debatte-ueber- rassismus-die.990.de.html?dram:article_id=478142

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s